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Rede von Mevlüt Çavuşoğlu, Außenminister der Republik Türkei, auf der Tagung der Generalversammlung der Vereinten Nationen zur Verurteilung der Terroranschläge in Neuseeland, 2. April 2019, New York

[Die inoffizielle deutsche Übersetzung der originalen türkischen Rede]

Herr Präsident, sehr geehrte Minister, sehr geehrte Vertreter, heute haben wir uns unter diesem Dach versammelt, das als „Parlament des Gewissens der Menschheit" errichtet wurde, um einer wachsenden Bedrohung für uns alle zu begegnen und eine gemeinsame Haltung gegen diese gemeinsame Bedrohung einzunehmen.

Heute vereint uns die Generalversammlung der Vereinten Nationen um die Heiligkeit des menschlichen Lebens, das unser grundlegendes Gut ist. Dieses grundlegende Gut steht jedoch unter dem offenen Angriff von Terroristen und Terrorismus. Am 15. März wurden in Christchurch, Neuseeland, 51 Muslime, die dort beteten, ermordet und viele weitere von einem faschistischen und barbarischen Terroristen verletzt. Dieser wies einen sehr organisierten Sinn und Planung vor und zielte im Wesentlichen auf die gemeinsamen Werte der Menschheit ab.

Heute bekunden wir hier eine sehr bedeutsame Solidarität, um diesen islam- und menschenfeindlichen Anschlag zu verurteilen und der Opfer dieses Angriffs zu gedenken. Heute halten wir den Terroristen stand und geben der Welt folgende Botschaft: Ihr werdet in der Spirale aus Hass, Angst und Gewalt, die ihr zu schüren versucht, untergehen und niemals Erfolg haben. Hier unter dem Dach der Generalversammlung der Vereinten Nationen ist die Bekundung dieser Entschlossenheit durch die Vertreter jedes Glaubens, jeder Region, jeder Rasse und Nationalität die bedeutsamste Antwort auf eure schmutzigen Ideologien und abscheulichen Angriffe.

Sehr verehrte Vertreter, im Namen des türkischen Volkes möchte ich den Familien der unschuldigen Menschen, die in ihren heiligen Gotteshäusern brutal ermordet wurden, mein aufrichtiges Beileid aussprechen. Auch möchte ich der Regierung und dem neuseeländischen Volk nochmals unser Beileid übermitteln. Unmittelbar nach den Terroranschlägen hat unser Präsident Recep Tayyip Erdoğan unseren Vizepräsidenten und mich beauftragt, Neuseeland zu besuchen, um unsere Solidarität zu bekunden. Unter der Führung von Ministerpräsidentin Ardern und ihrer Regierung haben wir selbst die starke Haltung und Würde des neuseeländischen Volkes und auch die Art und Weise, wie es die in ihrem Land lebende muslimische Gemeinschaft umarmte, erlebt.

Wie Ihnen allen bekannt ist, ist die Türkei ein Land, das seit Jahren mit größter Entschlossenheit gegen alle Formen des Terrorismus auf nationaler und globaler Ebene kämpft. Heute führen wir einen unerbittlichen und entschlossenen Kampf gegen DAESH und PKK-PYD-YPG sowie DHKP-C und FETÖ gleichzeitig. Die Verstärkung der Bemühungen im Kampf gegen den Terror auf globaler Ebene wird stets eine der obersten Prioritäten der Türkei bleiben. Mit diesem Verständnis haben wir als Vorsitzender des Gipfels der Organisation für Islamische Zusammenarbeit am 22. März eine Dringlichkeitssitzung des Exekutivkomitees der Organisation für Islamische Zusammenarbeit in Istanbul organisiert. Wie wir auch im gemeinsamen Kommuniqué der Sitzung betont haben, können unabhängig von ihrer Motivation, wo und von wem sie begangen werden und auf wen auch immer sie abzielen, keine Terrorakte entschuldigt oder gerechtfertigt werden. Die Tragödie des Anschlags von Christchurch hat der Welt gezeigt, dass Intoleranz, Rassismus, Islamophobie und Fremdenfeindlichkeit die gesamte Menschheit viel stärker bedrohen als erwartet. Diese Tatsachen hängen zweifellos zusammen. Islamfeindlichkeit und Rassismus sind oft miteinander verflochten. Die rassistische, fremden- und islamfeindliche Rhetorik und Gewalt dürfen nicht länger ignoriert werden. Die internationale Gemeinschaft, einschließlich der Generalversammlung der Vereinten Nationen, kann nicht als von dieser Verantwortung ausgenommen angesehen werden. Die gemeinsame Stimme der Menschheit gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus muss gehört werden. Deshalb müssen wir genau hier und jetzt eine globale Mobilisierung ausrufen, die betont, dass wir als Teil der Menschheit vereint sind, einschließlich Einwanderer, Minderheiten und alle Gläubigen.

Es sollte verkündet werden, dass niemals Toleranz gegenüber irgendeiner Form von Rassismus gezeigt wird, einschließlich der Islamfeindlichkeit, Antisemitismus sowie Christenfeindlichkeit. Wir dürfen nicht vergessen, dass in einer Welt, in der auch nur eine Person nicht sicher ist, keiner von uns sicher sein kann. Wir sollten das Thema aus diesem Blickwinkel angehen und bedenken, dass wir gemeinsamen Bedrohungen nur begegnen können, wenn wir ein gemeinsames Bewusstsein und eine gemeinsame Entschlossenheit zeigen.

Sehr geehrte Ministerinnen und Minister, hoch geschätzte Vertreterinnen und Vertreter, egal wo auf der Welt basiert der Radikalisierungsprozess, der den Terror sowie die Terrorakte nährt, auf illusorischen und verzerrten historischen Erzählungen und giftigen Verschwörungstheorien.

Es sollte nicht außer Betracht gelassen werden, dass rücksichtslose Politiker und Medien, die darauf bestehen, den Islam als Terrorismus zu definieren, zu diesen Faktoren gehören, die diesen Terroranschlag nähren. Im Rahmen dieser Plattform leugnen und verurteilen wir noch einmal solche unverschämten, ungerechten und absichtlichen Ansätze, die versuchen, unsere erhabene Religion Islam, welcher selbst Frieden bedeutet, und Terrorismus Seite an Seite darzustellen.

Wir alle müssen die Begriffe wie islamischer Terrorismus, christlicher Terrorismus, jüdischer beziehungsweise buddhistischer Terrorismus ablehnen. Der Terror hat keine Religion, keine Sprache, keine Rasse, keine Nationalität. Der Terror ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Es ist die gemeinsame Verantwortung der Politik und Medien, diese Wahrheit nachzuvollziehen und sie zu einem gemeinsamen Verständnis für alle zu führen. Es ist die höchste Zeit, wirksame Maßnahmen gegen zunehmende Ungerechtigkeit, Vorurteile, Diskriminierung, Intoleranz, Hassverbrechen und Hassreden zu ergreifen. Wir dürften und sollten nicht zulassen, dass diese abscheulichen Tendenzen unsere Gesellschaften vergiften und zur Gewalt führen. In diesem Sinne müssen wir unsere bestehende Gesetzgebung wirksam anwenden und neue gesetzliche Regelungen entwickeln. Es ist eine absolute Notwendigkeit, alle Bestandteile der Gesellschaft, Meinungsbildner, Spitzenpolitiker, Medien und Akteure der digitalen Medien zu mobilisieren. Wir müssen dafür sorgen, dass diejenigen, die die Terrorakte anfachen, verüben, finanzieren und unterstützen, zur Rechenschaft gezogen werden. In diesem Zusammenhang ist es von vitaler Bedeutung, die Hassverbrechen zu überwachen, dokumentieren und melden.

Verehrte Vertreterinnen und Vertreter, sehr geschätzte Ministerinnen und Minister. Unsere Welt erlebt eine seltene Periode der Unsicherheit und des Wandels, die Konflikte werden immer komplizierter. Frieden zu Hause und Frieden in der Welt sind in allen Ländern immer noch miteinander verbunden. Bei den Bedrohungen des Friedens ein Auge zu zudrücken und nicht alle Mittel der UN-Generalversammlung zu nutzen wären die schlechteste Antwort, die wir gegen die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, geben könnten. Genau aus diesem Grund sind wir zusammengekommen, um die von uns gemeinsam eingereichte Resolution mit der Nummer A-73/L-79 und mit dem Titel „Bekämpfung von Terrorismus und anderen Gewalttaten aufgrund Religion und Glaube“ zu verabschieden. Diese Resolution wird der internationalen Gemeinschaft die folgenden Botschaften vermitteln: Jede Art von Diskriminierung und Terrorismus ist eine globale Bedrohung. Wir verfügen über ein einheitliches, konsequentes und klares Gerechtigkeitsprinzip ohne Doppelmoral und Mehrdeutigkeit. Wir betrachten Islamfeindlichkeit, Antisemitismus und Christenfeindlichkeit als Verbrechen gegen die Menschheit. Wir verurteilen entschlossen alle Arten von Diskriminierung und Terrorismus. Wir verpflichten uns, unsere Kräfte zu bündeln, ohne in Pessimismus zu versinken. Diese Versammlung und die Annahme dieser Resolution wird ein Meilenstein und ein Wendepunkt für die internationale Gemeinschaft sein und einen grundlegenden Fahrplan für alle darstellen. Für seinen zutreffenden Appell an die UN-Allianz der Zivilisationen und an den Hochkommissar, einen Aktionsplan zur Verhinderung von Angriffen auf religiöse Stätten und zur Bewahrung der Heiligkeit dieser Stätten zu entwickeln, möchte ich Herrn Guterres, dem Generalsekretär danken. Als einer der Gründer wissen wir sehr gut, welches Potenzial diese Initiative innehat.

Bevor ich meine Rede zum Abschluss bringe, möchte ich mich bei Frau Espinoza, der Präsidentin der Generalversammlung, und ihrem Vizepräsidenten, Botschafter Al-Thani, der heute hier bei uns ist, sowie den Mitgliedsstaaten für ihre kräftige Unterstützung und Solidarität herzlich bedanken. Ich fordere die Generalversammlung auf, unsere gemeinsame Entschlossenheit im Kampf gegen alle Vorurteile, Diskriminierungen, Intoleranz, Gewalt, Hass, Rassismus und Terror auf der ganzen Welt nachdrücklich zu bekräftigen. Ich möchte meine Rede mit der Erinnerung der Einladung von Mevlana Dschalal ad-Din Muhammad Rumi abschließen, der vor 800 Jahre in Anatolien lebte und mit seinen Botschaften alle Menschen umarmte.

Hört mit Ohren der Toleranz,

Seht mit Augen des Mitgefühls,

Sprecht die Sprache der Liebe...

Ich danke Ihnen sehr.